Die Zugfahrt

Vorstellung einiger Kurzgeschichten und Auszüge aus längeren Geschichten
Gesperrt
Benutzeravatar
Alois_I_A
Verdienter AUTOR und Kommentator
Verdienter AUTOR und Kommentator
Beiträge: 2076
Registriert: So 21. Feb 2016, 22:53
Wohnort: In Österreich, nahe bei Wien in den Weinbergen
Autorenprofil: viewtopic.php?f=462&t=9147
Kontaktdaten:

Die Zugfahrt

Beitrag von Alois_I_A » So 3. Dez 2017, 20:59

Die Zugfahrt

Eine anstrengende Woche war zu Ende. Mein Einsatz in O. war einigermaßen erfolgreich gewesen, ich kann davon ausgehen, dass mein Kunde mit mir zufrieden war. O. ist ein nettes Städtchen, fast schon an der Nordsee. Leider hat es keinen Flughafen, auch die nächste größere Stadt, B., bietet keine Flüge nach Hause, daher musste ich mit dem Zug nach H. fahren.

Ich hatte mich sehr gestresst, denn wie so oft kam ich eher spät beim Kunden weg, noch ein paar Fragen, der IT-Leiter, der sich 4 Tage nicht um mich gekümmert hatte, wollte noch ein Abschlussmeeting. Aber dann war ich doch eher früh am Bahnhof. Der Ticketautomat hat schon nach dem dritten Versuch aufgegeben und mir ein Ticket verkauft. Ich ging zum Bahnsteig, der Zug stand schon bereit, und ich suchte mir einen Platz. Mathematik ist so etwas wie ein Hobby von mir und daher suchte ich mir einen Platz mit Tisch, der nicht reserviert war. Weil ich nicht wusste, in welche Richtung der Zug fahren würde belegte ich einfach alle Sitze, breitete meine Unterlagen vor mir aus und begann, mich in Treppennormalformen zu hinein zu denken (wer es vergessen hat: Es handelt sich bei der Treppennormalfunktion um lineare Algebra, nichts Besonderes, Mittelschulstoff).

Erfolgreich war ich nicht, das Dickicht der Zahlen schien unentwirrbar, kein Wunder nach 80 Stunden harter Arbeit in kaum 5 Tagen. Gerade als ich resigniert aufgeben wollte, tauchte eine Dame ungefähr in meinem Alter neben mir auf. Ich verwende das Wort Dame entweder unter Anführungszeichen oder eben für richtige Damen; niemals für normale Frauen. Die gehörte zur zweiten Kategorie: schlank, gute Haltung, teure aber nicht protzige Garderobe, wirklich dezentes Make-up und kaum wahrnehmbarer aber gut zu ihrem Typ passender Duft. Ob noch Platz bei mir sei? Aber gerne.

Ganz wie mir meine Mutter beigebracht hatte, half ich der Dame aus ihrem Mantel und verstaute ihr Gepäck in der Ablage, während der Zug endgültig anfuhr.

Ich räumte meine Mathematiksachen jetzt weg, suchte mir ein Buch aus meinem Gepäck und begann zu lesen, aber auch dafür war ich zu müde. Ihr ging es ähnlich, so begannen wir, uns miteinander zu unterhalten. Wir saßen sehr eng nebeneinander und ich hatte nicht den Eindruck, dass sie sehr auf räumliche Distanz erpicht war. Sie war von Beruf Philosophin und in O. gewesen, um familiäre Dinge zu regeln, aber ihre Fahrt war nicht erfolgreich. Wie ich musste auch sie in H. umsteigen. Ich mochte ihre Augen, sie waren von seltsamer grün-brauner Farbe, ihre Stimme war warm, irgendwie betörend erotisch. Und ich sagte ihr natürlich, dass sie mir gefällt, was sie routiniert als Schmeichelei abtat. Einmal war sie mit ihrem Gesicht so nahe an mir, dass ich sie beinahe geküsst hätte, einmal lag, unabsichtlich?, ihre Hand auf meinem Oberschenkel.

In H. stiegen wir beide aus. Sie musste zu ihrem Anschluss nach F., ich zum Flughafen. Am Bahnsteig verabschiedeten wir uns und wieder war sie so nahe an mir, dass ich sie beinahe geküsst hätte. Hatte sie mich jetzt geduzt?

Gesperrt