Die Traumfrau (Auszug)

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aweiawa
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Die Traumfrau (Auszug)

Beitrag von aweiawa » Mi 1. Nov 2017, 21:09

Die Traumfrau

© by aweiawa



Erste Begegnung


Eine innere Hochstimmung hatte mich ergriffen. Die herrliche Musik, die begnadeten Stimmen der Sängerinnen und Sänger, die glänzende schauspielerische Leistung, alles sprach dafür, dass der Abend zum Highlight der Woche würde. Nachdem ich meiner Begeisterung entsprechend Beifall gespendet hatte, stand ich auf, um mir in der ersten Pause ein wenig die Beine zu vertreten und mich nach etwas Trinkbarem umzuschauen.

Dann plötzlich sah ich sie. Zwei Reihen über mir strebte sie dem Ausgang zu. Es traf mich wie ein Blitz. Ich sah sie erst nur von der Seite und dann, als sie vor mir zum Ausgang einbog, von hinten. Sie trug ein dunkelrotes Kleid, das bis zu den Füßen reichte, hochhackige Schuhe, von denen allerdings nicht viel zu sehen war, und eine schwarze Stola. Die dunklen Haare waren schulterlang und als sie den Kopf schüttelte, flogen sie anmutig umher. Am auffallendsten war ihre Größe, denn sie war sicher noch einige Zentimeter größer als ich. Das eng anliegende Kleid betonte ihre eher dünne Figur, und ihr eleganter Gang mit ausgeprägtem Hüftschwung sorgte dafür, dass ich kein Auge von ihr lassen konnte. Dabei hatte ich ihr Gesicht noch gar nicht gesehen, da es von den Haaren verdeckt gewesen war, als ich sie von der Seite sah.

Ich hielt einigen Abstand zu ihr, um sie besser beobachten zu können. Sie strebte dem Infostand zu, bei dem einige Zeitschriften auslagen. Diese enthielten zu den Opern, die zur Zeit gezeigt wurden, einige interessante Informationen. Als sie sich die neueste Ausgabe griff und sich an die Wand lehnte, um darin zu blättern, wandte sie mir ihr Gesicht zu. Faszinierend! Die braunen Augen waren dunkel geschminkt, was ihrem Gesicht etwas Düsteres verlieh. Die dunkelroten Lippen waren leicht geöffnet und ab und zu war ihre Zungenspitze zu sehen. Insgesamt wirkte ihr Gesicht männlich markant, trotz der weiblichen Ausstrahlung der gesamten Person. Ich schätzte sie auf Ende 30, sie war also einige wenige Jahre jünger als ich. Keinen Blick konnte ich von ihr wenden, wobei ich mich dezent im Hintergrund hielt, damit sie nichts davon bemerkte.

Meinen Durst hatte ich völlig verdrängt, und als der Gong ertönte, weil die Pause zu Ende war, tat es mir richtig leid, dass ich meine Beobachtungsposition aufgeben musste. Schade, leider saß ich nicht hinter ihr, sondern vor ihr, so dass ich sie nur sehen konnte, wenn ich meinen Kopf wandte. Als das Licht verlosch, hatte auch das keinen Sinn mehr, und ich versuchte, mich wider auf die Oper zu konzentrieren. Die beiden nächsten Akte waren ebenfalls herrlich, wenn ich sie auch längst nicht so würdigen konnte, wie sie es verdient hatten. Endlich war es wieder so weit. Die nächste Pause begann und sofort suchten meine Augen nach ihr.

Wieder bog sie direkt vor mir in den Gang, und ich bemühte mich, ihr so nahe zu kommen, dass ich ihren Geruch wahrnehmen konnte. Betörend und erotisierend. Mein Faible für Gerüche ließ mich ihren Duft mehrmals tief einsaugen, während ich die Augen geschlossen hielt. Fast wäre ich gestolpert, denn plötzlich kam eine Stufe, die ich nicht berücksichtigt hatte. Verflixt, ich musste aufpassen, dass ich ihr nicht auf das Kleid trat, das bei den Stufen auf dem Boden auflag. Das wäre doch zu dumm gewesen. So wollte ich den Kontakt mit ihr nicht aufnehmen. Dass ich sie jedoch in dieser Pause ansprechen würde, stand bereits fest. Nie hätte ich es mir verziehen, wenn ich nicht alles versuchte, sie kennen zu lernen. Wenigstens für einige wenige Augenblicke wollte ich mit ihr sprechen und ihre Nähe genießen. Vielleicht würde sie ja Gefallen an mir finden und sich auf einen Drink einladen lassen.

Wieder strebte sie auf den Infostand zu und griff sich ein älteres Exemplar der Opernzeitschrift. Diesmal ließ ich sie gar nicht erst zum Lesen kommen, sondern ging gleich auf sie zu.
„Sie sind so außergewöhnlich schön in diesem Kleid, dass ich es ihnen einfach sagen muss“, fiel ich mit der Tür ins Haus.
„Haben Sie mich deshalb in der letzten Pause mit ihren Augen fast aufgefressen?“
Ihre dunkle Stimme mit einem rauen Timbre gluckste vor verhaltenem Lachen, als sie mein etwas konsterniertes Gesicht bemerkte.

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