Herbstnebel

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† Hubertus †
Unvergessen
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Herbstnebel

Beitrag von † Hubertus † » Mi 1. Nov 2017, 21:13

Schwer atmend stieg Franz Weber den steilen Weg bergan. Rings um ihn war dichter Nebel, kalt und klamm war es. Wie im Herbst so üblich, bildete sich im Tal nachts der Nebel, fast streifte er die Dächer. Es war, als ob die kleine Ortschaft unter einer dicken Decke liegen würde.

Unaufhaltsam ging Franz durch den dichten Herbstwald. Die Laubbäume hatten ihre Blätter schon großteils verloren, nur hie und da leuchtete noch sattes Rot der Buchen durch die Nebelschwaden. An den Ästen und Zweigen hatten sich Tropfen gebildet. Still war es. Unheimlich still. Von der stark befahrenen Straße im Talgrund drang kein Laut bis zu ihm. Der Nebel schluckte jedes Geräusch.

Fast dreihundert Höhenmeter war die Watteschicht dick. Die Natur schien unter dieser Decke erstarrt zu sein. Kein Vogel zwitscherte, kein Eichhörnchen war bei der Futtersuche zu sehen. Herbstnebel! Die Vorbereitung der Natur auf den Winterschlaf.

Mehrmals kreuzte der Steig Forststraßen, die in langen Windungen ebenfalls der Höhe zustrebten. Franz kannte den Weg, den er verfolgte. Schon unzählige Male war er hier gegangen. Zu jeder Jahreszeit. Und immer wieder war es ein Erlebnis. Ob die frischen Triebe des Frühlings, die angenehme Kühle des Waldes an heißen Sommertagen oder zur Winterszeit die, wie von unzähligen Diamanten geschmückten Zweige, die sich unter der Last des Raureifes nieder bogen.

Der Herbst aber, der vermittelte ganz besondere Eindrücke. Diese unendliche Stille, die die Gedanken und Empfindungen durchdrang. Der Nebel, der schwer lastete und doch leicht war. Allerheiligenstimmung. Gedanken an Leben und Tod. Tief in sich selbst hineinhorchen. Zweifel am Sinn des Seins. Tief atmen, weitergehen. Niemals aufgeben, dem Ziel entgegen.

Langsam wurde der Nebel heller. Eine Ahnung von Licht, von Sonne. Weiter bergan. Erste, verwaschen blaue Flecken wurden sichtbar. Bergan, bergan! Ja, der erste Sonnenstrahl durchdrang den Nebel! Franz hatte das Gefühl, aus einem See aufzutauchen. Das Nebelmeer blieb unter ihm zurück, ein wunderbar blauer Himmel empfing ihn. Wohltuend empfand Franz die wärmenden Sonnenstrahlen. Die, vom Nebel feuchte Kleidung trocknete, die Natur schien aufzuwachen. Jetzt waren auch überall Vogelstimmen zu hören, Eichhörnchen sammelten eifrig Wintervorräte, auf einer Lichtung waren Rehe beim Äsen zu sehen.

Die Gedanken an Leben und Tod verschwanden, weit wurde das Herz. Das Leben siegt ja doch! Alle Sorgen und Mühen des Alltags blieben unter der dicken Nebelschicht zurück. Eine ungeahnte Hochstimmung bemächtigte sich des einsamen Wanderers. Von den Bergspitzen leuchtete ihm der erste Schnee des kommenden Winters entgegen. Darüber ein wolkenlos blauer Himmel.

Weiter ging die Wanderung. Franz strebte der Alm entgegen. Immer wieder zog es ihn auf die grünen Matten, die seine Jugendzeit so sehr geprägt hatten. Unzählige Erinnerungen verbanden sich mit dieser Gegend. Schöne Erinnerungen. Wie bei den meisten Menschen erscheint auch bei Franz die Jugendzeit verklärt.

Als er den Almboden erreichte, glitt ein verschmitztes Lächeln über sein Gesicht. Ja, dort stand sie noch, die kleine Almhütte, in der er so viele unvergessliche Stunden verbracht hatte. Viele Mädchengesichter erschienen vor seinem inneren Auge. Das waren Nächte!

Es war ja früher nicht so, dass jeder eine sturmfreie Bleibe hatte, in die er Mädchen mitnehmen konnte. Nein, die Sitte und der Anstand zogen enge Grenzen. Aber Franz hatte schon damals einen Ausweg gewusst. Jede freie Minute verbrachte er auf der Alm, und immer fand sich ein Mädchen, das ebenso unter den Fesseln der herrschenden Moral litt.

In Gedanken an die Vergangenheit fühlte sich Franz so frei, so glücklich. Ja, das Leben ist schön, auch im Herbst des Daseins. Erinnerungen konnte einem niemand wegnehmen.

Als Franz wieder ins Tal abstieg, war der Nebel verschwunden. Nicht nur in der Natur, auch in seinen Gedanken.

© Hubertus

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