Ex Libris (Kapitel 42)

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Iron_Duke
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Ex Libris (Kapitel 42)

Beitrag von Iron_Duke » Mi 1. Nov 2017, 21:15

EX LIBRIS Teil 5
oder »Von Briefen und schweigsamen Enten«

© MMX by Iron_Duke

...

42. Arschkalt – 15 Punkte

Am nächsten Tag ging ich in der großen Pause in die Cafeteria, weil ich wusste, dass Thorsten Dienst hatte. Und da sah ich ihn auch schon hinter der Theke stehen; einen Kopf kleiner als ich, schlank, lange dunkelbraune Haare, feine, fast mädchenhafte Gesichtszüge und eine Hornbrille.

»Oliver!«, strahlte er mich an. Thorstens Eltern hatten ein Haus in der gleichen Siedlung gebaut, in der auch ich wohnte und wir kamen wirklich gut miteinander zurecht. Wir gingen seit dem fünften Schuljahr in die selbe Klasse und waren sehr enge Freunde geworden. Erst seit relativ kurzer Zeit hatten wir uns etwas auseinander gelebt.

»Hi, Thorsten! Weißt du schon? Ich gehe jetzt mit einem Mädchen.«
»Aus der Clique?«
»Nein, mit Angelika. Die, die auch in der Bibliothek mitmacht.«
»Echt? Ich hab mal gehört, die wäre andersherum und mit Ingeborg zusammen.«
Ich grinste ihn an.
Er wurde puterrot.
»Du kannst sie ja gleich fragen, da kommen sie.«

Die beiden kamen durch die Tischreihen auf uns zu. Angelika nahm mich in den Arm und küsste mich. Ingeborg holte zwei Briefumschläge aus der Tasche, gab einen an Thorsten und drückte mir den anderen in Hand. Dann kicherten die beiden Mädels und gingen wieder auf den Pausenhof.

Der Umschlag war quietschbunt mit einem lachenden Clown auf der Vorderseite. Ich öffnete ihn und nahm eine Faltkarte heraus. In einer kindlichen, gemalten Schrift stand da geschrieben:

Hallo Oliver,
zu meiner Geburtstagsfeier
am nächsten Samstag
um 2 Uhr nachmittags
in der Markgrafenallee 24
lade ich Dich herzlich
ein. Für Speis und Trank
ist reichlich gesorgt.

Deine Ingeborg

PS. Bitte sag Bescheid, ob
Du kommen kannst.


‚Abgefahren!’, dachte ich und sah zu Thorsten hin. Der stand mit der Einladung in der Hand hinter der Theke und machte ein erstauntes Gesicht.

»Was ist das denn?«
»Eine Einladung?«
»Klar. Aber die ist doch zwanzig!«
»Ja und?«
»Das ist ja abgefahren!«
»Stimmt.«
»Gehst du dahin?«
»Aber hallo! Das ist Angelikas Adresse.«
»Also, du machst da mit?«
»Aber ganz sicher, das ist doch der Hammer! Kindergeburtstag!«

Thorsten sah mich zweifelnd an.

»Stell es dir wie ein improvisiertes Theaterstück vor. Ein Rollenspiel, wie im Psychologiekurs, nur lustiger. Und Ingeborg ist doch eine Nette, oder?«

Man konnte förmlich sehen, wie Thorsten mit der Idee rang. Er war ein stiller und sehr ernsthafter Typ, der - ganz im Gegensatz zu mir - lange nachdachte, bevor er etwas entschied.

»Was schenkt man denn einer Zwanzigjährigen zum Kindergeburtstag?«, fragte er mich schließlich.
»Das ist eine wirklich gute Frage«, gab ich zu. Thorsten dachte eben immer ein Stück weiter. »Lass uns einfach nach der Schule in die Stadt gehen. Da fällt uns schon was ein.«

Also bummelten wir nach Schulschluss durch die Innenstadt und machten uns auf die Suche. Ich entschied mich schließlich für eine runde Dose mit dicken, bunten Zuckerstangen und Thorsten kaufte einen niedlichen kleinen braunen Teddybär. Mit Thorsten zusammen zu sein, war immer noch genauso prima wie früher. Wir setzten uns ans Fenster eines Cafés, tranken heiße Schokolade, gönnten uns ein Stück Sahnetorte und vergaben Punkte für die vorübereilenden Damen.

»3« – »4«
»7« – »4«
»2« – »4«
»15« – »22«

Wir lachten. ‚Jungs kichern nicht!‘ Die 15 Punkte Dame trug mitten im Winter einen unglaublich kurzen Minirock und lange, weiße Lederstiefel.

»Mir wäre das viel zu kalt«
»Jupp, Arschkalt!«

Es war ein richtig schöner Nachmittag. Wir fuhren zu mir nach Hause, fragten Mom nach Geschenkpapier und packten unsere Geschenke ein.

»Soll ich Angelika Bescheid sagen, dass du kommst?«
»Nein, das sage ich lieber Ingeborg persönlich. Morgen in der Schule.«

Nachdem ich Thorsten zur Haustür gebracht hatte, ging ich zu meiner Mutter ins Wohnzimmer.

»Mom? Ich geh noch zu Angelika, sie wohnt drüben im Villenviertel.«
»... und bleibst eventuell über Nacht.«
»Ja - könnte schon sein.«
»Dann dusch dich vorher, wasch dir die Haare und zieh frische Sachen an. Liegt alles im Badezimmer bereit.«

Mütter!

...


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