Helena (Kurzgeschichte)

Vorstellung einiger Kurzgeschichten und Auszüge aus längeren Geschichten
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helios53
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Helena (Kurzgeschichte)

Beitrag von helios53 » Mi 1. Nov 2017, 21:17

Helena

© helios53


Okay, dann frisch gewagt, Helena. Wir treffen uns jetzt gleich, in einer halben Stunde im Park, beim Pavillon-Cafe. Ich trage Jeans, ein weißes T-Shirt, Brille und Baseball-Mütze. Ich freue mich.
CU Xo

Tschoker


Spinnt der?, fragte sich Helena, die eigentlich Margit hieß und nur im www als Helena durch alle mögliche Foren geisterte und einen Riesenspaß hatte, wenn sie einen ihr sympathischen User aus derselben Stadt aufstöberte und dann leibhaftig treffen konnte. Es war so aufregend, auch wenn gelegentlich mal ein Langweiler drunter war, meist war es dann ein richtig netter Nachmittag. Manchmal entwickelte sich was, auch wenn sie es nicht unbedingt darauf anlegte. Mit ihrer blendenden Figur, den herrlichen dunkelbraunen Haaren mit leicht rötlichem Schimmer und den strahlend bernsteinfarbenen Augen hatte sie keinerlei Probleme, Männer kennen zu lernen. Sie aber reizte die Ungewissheit und die Reaktion der Männer, wenn eine Schönheit wie sie auftauchte und keine verkniffene Jungfer.
Spinnt der? Jeans, weißes T-Shirt, Brille und Baseball-Mütze. So sah ja bald einer aus. Im Park noch viel eher. Hatte er doch nicht einmal gefragt, wie er sie erkennen könnte. Das wäre leichter gewesen. Allein ihre Bekleidung, zwanzig Zentimeter Minirock, rot, zehn Zentimeter Absätze an ihren auch roten High Heels, bauchfreies Top, leicht schimmernd in Silber, drunter kein BH hätte als Erkennungsmerkmal locker ausgereicht. Nur hätte sie ihm das nicht verraten. Roter Rock, weiße Handtasche und in der Rechten eine Reitpeitsche hätte ihre Beschreibung gelautet. Die Peitsche war nur Staffage, machte sie aber unverwechselbar, denn wer geht schon mit einer Reitpeitsche zu einem Blind Date?

Leicht amüsiert machte sie sich, voll gestylt, auf den Weg. Der Park war gleich um die Ecke. Die Vorstellung, dass sie sich wohl bald unter mehreren Männern umsehen konnte, verlieh ihr ein prickelndes Gefühl. Die halbe Stunde war schon um. Bei solchen Anlässen waren Männer immer überpünktlich, wahrscheinlich aus Angst, etwas zu verpassen. Schon von Weiten erkannte sie, dass das Pavillon-Cafe gut besucht war. Alle Sonnenschirme waren aufgespannt. Helena schlug einen weiten Bogen auf dem Rundweg und zählte gleich vierzehn Männer ohne sichtbare weibliche Begleitung. Zwei davon saßen allerdings zusammen, blieben noch zwölf. Wie die Apostel, fiel Helena ein. Auf einem der vier radialen Zugangswege näherte sie sich hüftschwingend, ganz im Bewusstsein, dass Dutzende Blicke an ihr klebten. Langsam umkreiste sie den Pavillon und taxierte die Männer im Gastgarten. Von den zwölf hatten drei eine Baseball-Mütze auf, vier andere hatten sie daneben auf einem Stuhl liegen. Also sieben. Einer hatte ein schwarzes T-Shirt und keine Brille, einer ein blaues, zwei mit weißem Shirt hatten eine Brille auf, eine lag auf dem Tisch, es könnte aber auch eine Sonnenbrille gewesen sein. Also blieben drei, von denen jeder dieser Tschoker sein konnte.

Wie sollte sie vorgehen? Hinstellen und schreien Ich bin Helena, wer ist Tschoker?. Nein, und außerdem waren da ein paar Herren, die ihr nicht schlechter gefielen. Tja, dachte sie, Pech gehabt, Tschoker, jetzt machen wir ganz was anderes!

Helena wandte sich um, stolzierte aufreizend zum kleinen Trinkwasserbrunnen und sank dort theatralisch auf eine Stufe, wischte dramatisch über ihre Stirn, ließ die Tasche aus der Hand gleiten und lehnte sich erschöpft an den Brunnensockel. Schwächeanfall, womöglich Hitzschlag!

So, meine Herren, dachte Helena und musste sich ein Grinsen verkneifen. Wer wagt gewinnt! Nein! wer rennt, gewinnt! Wer zuerst kommt, küsst zuerst!

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