Dr. Hartmann – Ouvertüre (Auszug)

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borntobealive
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Dr. Hartmann – Ouvertüre (Auszug)

Beitrag von borntobealive » So 12. Jul 2015, 19:49

Dr. Hartmann – Ouvertüre (Auszug)


„Guten Morgen, Frau Blumenröder."

Dienstag, 10.00 Uhr, Bürozeit. Es war mir zur Gewohnheit geworden, täglich um diese Zeit meine Mails zu checken und die Korrespondenz zu erledigen.

„Guten Morgen, Herr Dr. Hartmann."

Elvira Blumenröder war jetzt seit sechs Monaten angestellt. Die blonde 28jährige hatte das gesamte Abrechnungswesen meines Tiergesundheitszentrums unter ihren Fittichen. Sie war eine Perle. Absolut gewissenhaft, penibel korrekt und hatte sich nach extrem kurzer Einarbeitungszeit bereits unentbehrlich gemacht. Heute trug sie einen weiten, hellbraunen Pullover, eine gleichfarbige Strickjacke und einen beigefarbenen Rock, der ihr im Sitzen bis zum Knie reichte. Einfache graue Schuhe ohne nennenswerten Absatz komplettierten den schlichten Look. Natürlich waren die blonden Haare streng zurück gekämmt und in einem Knoten hoch am Hinterkopf gebändigt. Selbst ihre Brille sah schlicht aus und passte mit dem einfachen Kunstoffgestell perfekt zur grauen Büromaus. Dabei hatte Elvira Blumenröder ein schönes Gesicht mit hoch angesetzten Wangenknochen und akkurat gezupften Augenbrauen. Darüber hinaus verwendete sie offensichtlich kein Make-up. Die kleinen Fältchen an den Mund- und Augenwinkeln machten ihr Gesicht interessant und für mich durchaus attraktiv. Zudem war der Schlabberpulli mit einer ansehnlichen Oberweite gefüllt.

Ich widmete mich meinem PC. In Gedanken war ich aber immer noch bei Elvira Blumenröder. Seit einiger Zeit versuchte ich, sie ein wenig aus der Reserve zu locken. So kompetent sie in ihrem Job auch war, ich hatte bisher kaum ein privates Wort mit ihr gewechselt. Jeder Versuch eines Gesprächs, das sich außerhalb des Geschäftlichen bewegte, wurde einsilbig und gezielt unkonzentriert im Keim erstickt. Ich hatte ihr angeboten, mich einfach mit „Chef“ anzureden. Das machte eigentlich jeder meiner Mitarbeiter. Autorität und Führungsqualitäten hingen meiner Meinung nach nicht von irgendwelchen Titeln ab. Frau Blumenröder hatte mir aufmerksam zugehört und geantwortet: „Ich habe Sie verstanden, Herr Dr. Hartmann."
Mit einem Seufzer hatte ich es zur Kenntnis genommen.

Meine Büroarbeit war schnell erledigt. Am Nachmittag gab es viel zu tun und so war ich ziemlich geschafft, als gegen 19.00 Uhr mein Telefon klingelte.
„Guten Abend, Herr Dr. Hartmann. Wiegand von E&F Computerservice. Ich wollte mit Ihnen die Ergebnisse unseres Sicherheitschecks besprechen."
„Schießen Sie los."

Eigentlich waren keine Besonderheiten zu erwarten. Meine Kollegen hielten mich ohnehin für paranoid, weil ich jeden Monat ein Schweinegeld für die Sicherheitsüberprüfung meiner Computeranlage ausgab. Bisher hatte sich glücklicherweise noch nie etwas Ungewöhnliches ergeben.
„Also um es kurz zu machen, wir haben ein kleines Sicherheitsrisiko festgestellt."
Mit einem Schlag war ich hellwach und konzentriert.
„Wie bitte?"
„Ja. Allerdings würde ich das gern mit Ihnen persönlich besprechen."
Na toll. Aber das war wichtig.

„Ich bin gerade auf dem Heimweg. Wenn es Ihnen passt, kann ich in zwanzig Minuten bei Ihnen sein."

Herr Wiegand entsprach dem gängigen Klischee eines Computerfachmannes. Ca. vierzig Jahre alt, ungefähr einen Meter siebzig groß, die langen schwarzen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden.

„Was ist das für ein Problem?", kam ich zur Sache. Er erklärte mir, auf dem PC im Büro sei ein sicherheitskritisches Programm installiert. Die Details hatte ich nicht wirklich verstanden. Es stellte sich heraus, dass Büromaus Blumenröder wohl einige Zeit am Tag in Chats verbrachte.
„Kann man das genauer herausfinden?"
Man konnte nicht. Jedenfalls nicht legal. Aber Wiegand wollte mit illegalen Sachen nichts zu tun haben. Nach intensiver Verhandlung einigten wir uns darauf, dass er eine Bonuszahlung für seine Sicherheitsberatung erhielt und er mir genau erklärte, was genau ich nicht durfte.

Mit verschiedenen Programmen, deren Installation mich Stunden meines Lebens kostete, gelang es, eine Überwachung des PCs von Frau Blumenröder einzurichten. Jetzt konnte ich jederzeit vom Rechner in meinem Wohnbereich genau sehen, was auf dem Monitor des Büro-Rechners ablief.

Die nächsten Tage nahm ich mir frei. Zum Unwillen meiner Assistenten, die jetzt meine Arbeit mit zu übernehmen hatten. Aber ich musste wissen, was Frau Blumenröder so trieb. Nach einem guten Frühstück, frisch rasiert, oben und unten, verbrachte ich meine Zeit mit einem Kopi Luwak-Kaffee vor meinem Überwachungs-PC. Es passierte natürlich nichts. Jedenfalls nichts Außergewöhnliches. Rechnungen wurden erstellt, Zahlungseingänge kontrolliert und verbucht, Mahnungen geschrieben, der ganze langweilige Bürokram eben. Dann nichts mehr. Ein Blick auf die Uhr: Aha, schon Mittagspause.

Noch schnell einen frischen Kaffee geholt, dann sah ich auf meinem Bildschirm, also auf ihrem Bildschirm, die Login-Aufforderung von einem „Kokopelli Chat". Jetzt ging 's los! Buchstabe für Buchstabe erschien im Feld Benutzername: „Submisself". Das Passwort konnte ich nicht erkennen, da nur Sternchen als Platzhalter erschienen. Ein neues Fenster öffnete sich:
„Willkommen Submisself"

Der Bildschirminhalt wechselte. Oben wurde in einem schmalen Streifen der Schriftzug
„Kokopelli - Your Uncensored Chat“ dargestellt. Unten am Bildschirm erschien ein kleiner Streifen mit verschiedenen Symbolen, vermutlich die Navigationsleiste. Der Rest des Bildschirms wurde von einem Kasten ausgefüllt, in dem wohl die Chat-Beiträge der Benutzer angezeigt wurden. Ich war fasziniert. Von diesen virtuellen Welten hatte ich überhaupt keine Ahnung.

Nach einigen Minuten erschien die Meldung: „Mandamus lädt dich ein", mit einem Auswahlfeld „Einladung annehmen" / „Einladung ablehnen".
Die Maus bewegte sich auf „Einladung annehmen".
Es erschien in zweigeteiltes Fenster. Oben ein großes, unten ein kleines, einzeiliges Feld.
Im großen Fenster erschien ein Text:
Mandamus: Hallo devote Elfe."
Im unteren Feld erschien Text, wieder Buchstabe für Buchstabe.
„Ich grüße Dich, Herr." Die Maus wanderte zum Button „Senden". Der war mir bisher noch gar nicht aufgefallen.

Im oberen Fenster erschien: „Submisself: Ich grüße Dich, Herr."

Okay. Ich hatte es kapiert.

Mandamus: Du bist spät!"
Submisself: Ja, Meister."
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