Drei Minuten Kind sein (Kurzgeschichte)

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maro
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Drei Minuten Kind sein (Kurzgeschichte)

Beitrag von maro » Mi 1. Nov 2017, 21:14

Drei Minuten Kind sein

© maro

„Lisa! Bei Fuß! Hörst Du? Lisa!“

Sofort kommt mein treuer Begleiter, ein Bayerischer Gebirgsschweißhund, angerannt, wuselt um meine Beine herum und versucht, an mir hochzuspringen. Liebevoll tätschele ich ihren Kopf.

„Ja, ist ja gut meine Kleine. Fein gemacht.“

Zum Dank leckt sie mir meine Hand ab. Sie freut sich immer, wenn ich mit ihr durch den städtischen Park spazieren gehe. Ich bücke mich zu ihr herunter, streichle sie. Nun ist mein Gesicht das Ziel ihrer Liebkosungen.

Als ich wieder aufstehe und mich umdrehe, sehe ich in ein paar Metern Entfernung ein kleines Mädchen stehen, das zu uns herüberschaut. Ich schätze sie auf vier oder fünf Jahre. Von ihrer Mama oder ihrem Papa ist nichts zu sehen. Sie beobachtet ganz genau unser Treiben, kaut dabei auf ihren Fingern.

„Hallo du“, rufe ich ihr zu. „Magst du sie auch mal streicheln?“

Unsicher schaut sie sich um. Hat sie Angst? Doch nicht vor meiner Lisa.

„Keine Angst, sie beißt nicht“, versuche ich sie zu beruhigen.

Ihre Neugierde scheint zu siegen. Langsam kommt sie näher, bis sie nur noch einen Meter entfernt ist. Ich halte Lisa am Halsband fest, damit sie die Kleine nicht aus Übermut umrennt. Meine Hündin versucht bereits mit ihrer feuchten Nase den Neuankömmling zu beschnuppern. Nach wenigen Augenblicken gelingt es ihr.

Das Mädchen streckt ihre Hand aus und tätschelt Lisa an deren Flanke. Die erste Scheu ist genommen, schon bald darauf hat die Kleine ihre Umgebung vergessen und vergnügt sich mit meiner Gefährtin. Lisa dreht sich sogar auf den Rücken, möchte ebenfalls an ihrem Bauch gekrault werden. Das Mädchen lacht, ihre Augen strahlen wie zwei Sterne am Himmel

„Wie heißt du denn?“, frage ich sie.

Keine Antwort.

„Du hast aber ein schönes Kleidchen an“, versuche ich weiter, mit ihr ins Gespräch zu kommen.

Das ist eine Lüge – das Kleid ist potthässlich. Sündhaft teuer vielleicht, aber es macht aus dem kleinen Mädchen eine Modepuppe. Die vielen Schleifchen im gelockten blonden Haar verstärken diesen Eindruck noch.

„Hat mir meine Mama gekauft“, antwortet sie schließlich mit leiser Stimme.

„Wo ist denn deine Mama?“

Das Mädchen zuckt mit den Schultern. Merkwürdig. Plötzlich dröhnt ein hysterisches Kreischen zu mir herüber.

„Cheyenne Vivien Britney! Was machst du da? Komm sofort her!“

Als ich aufblicke, sehe ich, wie eine erzürnte Frau in einem maßgeschneiderten Designerkleid auf Stöckelschuhen, deren Absätze mindestens zehn Zentimeter hoch sind, angelaufen kommt. Oh je, das kann ja heiter werden, denke ich mir. Das kleine Mädchen schreckt auf, seine Augen weiten sich angstvoll.

„Wie können Sie es wagen!“, schreit die Frau mich an, zerrt ihre Tochter mit einem Ruck von meiner Lisa weg und gibt mir eine schallende Backpfeife.

Sofort fängt die Kleine an zu weinen, doch die Mutter interessiert das nicht.

„Sie Kinderschänder! Ich sollte die Polizei rufen! Wenn meine Cheyenne wegen ihrem dreckigen Köter Alpträume bekommt, verklage ich Sie, dass Ihnen Hören und Sehen vergeht!“

Sie spuckt mittlerweile Gift und Galle, ihr falscher Busen springt beinahe aus ihrem Dekollete, hebt und senkt sich vor meinen Augen. Ich bin so perplex, dass es mir glatt die Sprache verschlägt. Das ist doch einfach lächerlich! Cheyenne wie-auch-immer hat doch nur meine Lisa gestreichelt…

Entschlossen zieht sie ihre Tochter mit sich mit, als sie an mir vorbeistürmt. Von Weitem höre ich sie noch immer schimpfen, diesmal mit ihrer Tochter:

„Wie siehst du schon wieder aus? Wenn du das Vorsprechen heute vermasselst, kriegst du einen Monat Hausarrest, das schwöre ich dir! Du sollst doch ein Star werden, da benimmt man sich nicht so kindisch!“

Ungläubig schüttele ich den Kopf. Das arme Mädchen. Gedankenversunken kraule ich meiner Lisa den Kopf.

„Komm, Lisa. Gehen wir heim.“

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